Der VW Käfer und seine deutschen Konkurrenten

 

Dr. Ulrich von Pidoll, Braunschweig

 

 

5. Stichtag: 31.12.1967

In der Mitte der 60er Jahre gab selbst VW zu, daß der Käfer technisch und optisch veraltet war. Denn seit September 1965 zeigte Opel mit dem jetzt auf minimal 45 PS verstärkten Kadett B, was ein Auto in der Preisklasse des VW-Käfers leisten konnte. Der Kadett B war etwa genauso teuer wie der VW 1300, bot aber letztendlich bei vergleichbarer Zuverlässigkeit mehr Fahrleistungen, Komfort und Raum fürs Geld.

Nur wenig teurer als der VW-Käfer war auch der Ford 12 M, der 1966 überarbeitet wurde und sich als P6 (der mit den runden Scheinwerfern im Kühlergrill) zu einer ordentlichen Konstruktion mauserte. Immerhin erreichte er den sechsten Platz der Autoverkaufsstatistik des Jahres 1967. Auch der Ford 12 M bot mehr Fahrleistungen, Komfort und Raum fürs Geld als der Käfer.

Die Folge war: Käferfahrer wurden von nun an in gewisser Weise im Bekanntenkreis verspottet. So sagte man damals, Käferfahrer seien eine große Glaubensgemeinschaft, weil sie glaubten, ein Auto zu fahren.

Trotz seiner unbestrittenen Nachteile blieb der VW-Käfer jedoch immer noch Marktführer: gute Federung infolge Einzelradaufhängung und großer Räder, geringe Wartungskosten wegen einfacher Konstruktion, billige Unfallreparaturen infolge angeschraubter Kotflügel sowie eine ausgezeichnete Wintertauglichkeit sicherten dem Käfer auch weiterhin noch die Gunst der Käufer.

Das entscheidende Kaufkriterium war aber damals wohl, daß man aufgrund des billigen VW-Austauschsystems selbst alte Käfer mit hohen Kilometerleistungen noch mit erschwinglichen Kosten technisch zum neuesten Modell verjüngen konnte. Diese erschwinglichen Reparaturkosten sorgten dafür, daß am 31.12.1967 beispielsweise noch die Hälfte aller 1949 ausgelieferten Käfer in Deutschland aktiv am Straßenverkehr teilnahmen.

Diese hohe Lebensdauer war damals einfach ungeheuer beeindruckend und wurde nur noch vom Mercedes 170 erreicht. Dessen lange Lebensdauer lag aber nicht nur an seiner ausgezeichneten Verarbeitungsqualität, sondern insbesondere auch an seiner Ausstrahlung: Ein Mercedes galt damals unabhängig vom Alter als großes Statussymbol, und Reparaturen waren deshalb immer lohnend.

Viele Menschen hat diese lange Lebensdauer und Unverwüstlichkeit der VW-Käfer imponiert, und sie sahen dies als Beweis der berühmten "VW-Qualität" an. Aus diesem Grund lag der Wiederverkaufswert selbst alter VW-Käfer immer relativ hoch, während die deutlich höheren Reparaturkosten eines älteren Kadetts oder Ford 12 M sowie vielleicht auch die häufigeren Modellwechsel dieser Firmen zu vergleichsweise niedrigeren Gebrauchtwagenpreisen führte.

Dennoch gelang es insbesondere dem viel praktischeren Opel Kadett B mit seinen 45 bzw. 55 PS, einen nennenswerten Anteil der VW-Käfer Fahrer für sich zu gewinnen. VW reagierte auf die Herausforderung Opels mit einer Leistungsanhebung der bisherigen 34 PS Maschine ab August 1965 auf 40 PS im VW 1300 und ab August 1966 sogar auf 44 PS im VW 1500. Diese Mehrleistung war natürlich sehr erwünscht, doch ging sie auf Kosten der Lebensdauer und des Benzinverbrauchs des VW-Käfers. Immerhin gelang es dem VW-Werk hierdurch, wenigstens den Leistungsvorsprung der Konkurrenz nicht zu groß werden zu lassen.

Trotz dieser Leistungserhöhungen muß festgestellt werden, daß der VW-Käfer zwar anfangs der stärkste, langlebigste und sparsamste Wagen seiner Preisklasse war, im Laufe der 60er Jahre jedoch diese Tugenden nach und nach aufgeben mußte. Denn luftgekühlte Boxermotoren mit mehr als etwa 30 PS können wegen des schlechteren Wirkungsgrades der Luftkühlung nicht hinsichtlich optimalem Benzinverbrauch ausgelegt werden, sondern sie müssen vielmehr - plastisch ausgedrückt - zusätzlich noch "mit Benzin gekühlt werden".

Hinzu kommen wegen ihres langen Ventiltriebs auch große dynamische Massen, welche die maximal mögliche Drehzahl begrenzen. Aus diesen Gründen waren luftgekühlte Boxermotoren zu diesem Zeitpunkt praktisch am Ende ihrer Entwicklungsmöglichkeiten angelangt. Mit dem 34 PS Motor war eben eine prinzipbedingte Leistungsgrenze erreicht worden, die allenfalls mit großem Aufwand noch überschritten werden konnte. Doch damit wurde der luftgekühlte Motor teuer, und war dabei immer noch lauter und heizte schlechter als ein Motor mit der inzwischen ausgereiften Wasserkühlung.

Diese Tatsache war dem VW-Werk natürlich voll bewußt. Der große Erfolg des Opel Kadett B zwang deshalb das VW-Werk zu tiefgreifenden Maßnahmen. Der VW-Käfer wurde darum ab August 1967 in einer völlig überarbeiteten Ausführung dem Publikum vorgestellt. Fast jedes Blechteil wurde geändert, und vorallem beim VW 1300/1500 die Sicherheit durch stärkere Stoßstangen, Zweikreisbremsanlage, Sicherheitslenksäule und 12 V-Anlage verbessert. Eine derartige Fülle von Änderungen hat es bisher noch nie am Käfer gegeben.

Auslöser für die verbesserte Sicherheitsausstattung des VW-Käfers war das 1966 in den USA erschienene Buch von Ralph Nader "Unsafe at any speed", in welchem Nader eine Erhöhung der Sicherheit von Autos durch z.B. Sicherheitslenksäule, Zweikreis-Bremsanlage, gepolstertes Armaturenbrett, und Kopfstützen forderte. Eine Reihe dieser Sicherheitsbestimmungen wurden dann in Amerika gesetzlich gefordert. Diese mußte der VW-Käfer als meist importiertes Fahrzeug dann natürlich auch erfüllen.

Die Fülle der Verbesserungen ab 1.8.1967 bei unverändertem Verkaufspreis hat natürlich die potentiellen Autokäufer ungeheuer beeindruckt und lenkte die Aufmerksamkeit weg von den prinzipbedingten Nachteilen des VW-Käfers. Damit war der VW-Käfer wieder für einige Zeit halbwegs konkurrenzfähig. Bei VW war man sich jedoch spätestens zu diesem Zeitpunkt klar darüber, daß man den VW-Käfer nicht ewig verkaufen könne. Die Suche nach einem Nachfolger begann.

Der große Volkswagen hatte inzwischen im VW 1600 seine Kinderkrankheiten überwunden und sich zu einem soliden Fahrzeug gemausert. Doch war natürlich ein Opel Rekord C (der mit dem Hüftschwung im hinteren Kotflügel) in vielen Punkten wie Geradeauslauf, Motorleistung und Kofferraum ein besseres Auto. Ein großer Verkaufserfolg konnte deshalb der große Volkswagen nicht werden.

Im Frühjahr 1966 verließ der letzte DKW-Zweitaktwagen DKW F102 das Ingolstädter Werk. Sein Nachfolger war der sehr moderne Audi. Mit dem neuen Namen wurde zurecht auf eine neue Aera von Fahrzeugen mit Viertaktmotor aufmerksam gemacht. Zwar wurde in den ersten Jahren noch recht wenig Fahrzeuge verkauft, dafür kam aber einige Jahre später der Erfolg um so größer.

Insgesamt gesehen stellte sich für einen potentiellen Autokäufer die Situation am 31.12.1967 folgendermaßen dar (ohne Sport- und Kombiwagen, Produktionszahlen stehen für die Gesamtzahl von Standard- und Luxusmodell im Produktionszeitraum - beim VW-Käfer 1.8.1960 bis 31.7.1967 -, beim Mercedes 600 von 1964 bis 1981, beim Goggomobil war eine Trennung nach Motorleistung nicht möglich, die angegebene Stückzahl der VW Karmann-Ghia Fahrzeuge betrifft alle Modelle von 1962 bis 1974, in der Preisklasse über 10000 DM sowie hinsichtlich aller angebotenen Varianten wurde keine Vollständigkeit angestrebt):

Modell DM PS km/h 0-100km l/100km Stück
Fuldamobil 3100 10 85 - 4,5Z 1500
Goggomobil 250 3590 13,6 72 - 6Z 280739
Goggomobil Coupe 250 3990 13,6 84 - 6Z s. 250
VW 1200 Sparkäfer 4525 34 116 32s 9N s. 1300
NSU Prinz 4 4700 30 116 35s 7N 570000
VW 1300 5150 40 122 28s 9,5N 12000000
NSU 1000 5250 40 131 20s 9N 196000
VW 1500 5435 44 128 23s 10N s. 1300
Opel Kadett B 5480 45 125 26s 9N s. B L
Ford 12 M P6 1300 5790 50 130 23s 10N 668187
NSU 1200 5950 55 145 17s 10N 230688
Opel Kadett B L 5965 45 125 26s 9N 2191691
Ford 15 M P6 1500 6290 55 136 20s 10,5N s. 12 M P6
VW 1600 A 6200 45 130 24,5s 10,5N 1380532
NSU TT 6250 65 153 14s 10,5S 63289
Opel Kadett B LS 6655 55 135 19s 9,5S s. B L
Opel Olympia 1100 6835 60 140 17s 10,5S 80637
Ford 15 M/TS 1,5S 6950 65 145 17s 10,5S s. 12 M P6
VW 1600 L 6950 54 140 20s 11,5N 1380532
VW 1600 TL 6950 54 140 20s 11,5N s. 1600 L
Opel Rallye Kadett 7385 60 140 17s 10,5S 2191691
Opel Olympia 1700 S 7415 75 153 14s 11S s. 1100
NSU TTS 7500 70 160 13s 12S 2402
VW Karmann-Ghia 1500 7515 44 136 23s 10N 270028
Opel Rekord C 1,7 7670 60 138 22s 11,5N s. 1,7S
Audi L 7675 72 148 16s 11N 122579
Ford 17 M 1,7 P7 7730 65 140 19s 10,5N 155780
Opel Rekord P2 L 7935 60 135 20s 9,5S 341824
Ford 17 M TS P3 8090 70 148 17s 10S 583721
Audi Super 90 8400 90 163 13s 12S 49794
Opel Rekord C L 1,7S 8520 75 150 18s 11,5S 541221
BMW 1600-2 8650 85 162 13,5s 11,5S 750000
Ford 20 M 8830 85 155 16s 12,5N 155780
VW Karmann-Ghia 1600 9030 54 150 19s 11,5N s. KG 1500
Opel Rekord C L 1,9 9145 90 158 16s 12S 407604
Opel Commodore 2,5 9820 115 170 13s 13,5S 152630
Ford 20 M/TS 9820 90 160 15s 12,5S s. 20 M
BMW 1600 TI 9950 105 175 11s 12,5S s. 1600
BMW 1800 9985 90 162 13s 12S 147160
Mercedes 200 10600 95 161 15s 12,5S 70207
Mercedes 200 D 11100 55 130 29s 9D 161618
BMW 2000 11475 100 168 13s 13S 143464
Opel Kapitän 11725 125 170 14s 15S 24249
BMW 2000 TI 12750 120 181 12s 13,5S s. 2000
Opel Admiral 12950 125 170 14s 15S 55876
NSU Ro 80 14150 115 181 14s 15N 33910
Mercedes 250 S 15800 130 182 13s 15,5S 129858
Opel Diplomat 18050 190 198 11s 19S 9152
Mercedes 600 56500 250 207 10s 24S 2677

Fazit: Die VW-Käferklasse wird immer härter umkämpft. Durch technische und optische Verbesserungen verjüngt kann jedoch der VW-Käfer seine Spitzenstellung immer noch halten. Doch das zweitmeist verkaufte Auto des Jahres 1967 -der Opel Kadett B - kommt den Verkaufszahlen des VW-Käfers immer näher. Auf dem dritten Platz der Verkaufsstatistik liegt der Opel Rekord C, der wegen seines Erfolgs noch bis 1971 produziert werden sollte. Mit etwas Abstand folgen Ford 17 M und 12 M. In der Oberklasse dominiert Mercedes. Nur der Ford 20 M erreicht hier noch achtbare Stückzahlen. Die Zeit der großen Opel Fahrzeuge ist vorbei.

Ausblick: Trotz großer Konkurenz blieben die Verkaufszahlen des VW-Käfers noch bis Anfang der 70er Jahre relativ hoch. Erst 1974 wurde mit dem VW-Golf für 8000 DM ein Auto mit 50 PS und der berühmten Volkswagen-Qualität angeboten, das nur 5 DM teurer war wie der VW 1303 mit 44 PS und deshalb von den meisten VW-Anhängern als besseres Auto wie der VW-Käfer akzeptiert wurde. Der Golf hat deshalb in kürzester Zeit den VW 1303 abgelöst. Lediglich der sehr preiswerte VW 1200 L konnte wegen seines überzeugenden Preis/Leistungs-Verhältnisses noch einige Jahre länger überleben. Sein Ende kam, als ab 1985 die Umweltschutzauflagen für Kraftfahrzeuge in der BRD immer höher geschraubt wurden und VW nichts mehr in den veralteten Käfer investieren wollte. Da jedoch der Verkaufserfolg des Käfers in Mexiko und Brasilien wider Erwarten noch anhielt, verfügt inzwischen der immer noch produzierte VW Käfer über einen schadstoffarmen Motor mit geregeltem Drei-Wege-Katalysator. Dies mußte jedoch mit einer teuren Benzineinspritzung erkauft werden. Trotzdem blieb der Verkaufspreis des Käfers noch so konkurrenzlos niedrig, daß auch in naher Zukunft sein Verkauf in Mexiko und Brasilien gesichert ist.

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