Von den Schwierigkeiten der Ersatzteilbeschaffung im Schwabenland

Ulrich von Pidoll, Braunschweig

Unglaublich, aber wahr: die folgende Geschichte hat sich tatsächlich ereignet. Ich habe mich bemüht, sie aus meiner Erinnerung möglichst genau zu rekonstruieren. Für eine exakte Wiedergabe der schwäbischen Landessprache kann ich jedoch keine Garantie übernehmen. Im Übrigen soll dieser Aufsatz in keiner Weise die Lebensweise und Sprache der Schwaben kritisieren oder bewerten, sondern nur in humorvoller Weise gewisse Verständigungsschwierigkeiten innerhalb der verschiedenen deutschen Regionen darstellen. Denn meine Erlebnisse hätten sich genauso gut auch in anderen Bundesländern mit ausgeprägter Landessprache ereignen können.

Anfang der 80er Jahre trat ich meine erste Stelle in der Industrie an und verließ hierzu die TH-Darmstadt. Meine neue Arbeitsstelle war in der schwäbischen Provinz 30 km östlich von Stuttgart.

Die größte Umstellung war für mich war das Verstehen und Verstehenwerden in der Landessprache Schwäbisch. Bereits im ersten Geschäft, einer Bäckerei, sammelte ich diesbezüglich meine ersten Erfahrungen. So waren die üblichen Bäckerwaren wie "Brötchen", "Brot" oder "Toastbrot" natürlich vorhanden, jedoch gelang es mir erst nach ausgiebiger Diskussion und der Hilfe eines zufällig anwesenden Dolmetschers, diese Waren als "Tafelweckle", "Vesperlaible" und "Milchkäpsele" tatsächlich auch zu erhalten.

Die nächste Überraschung erlebte ich, als ich den ersten Brief versendete: Am nächsten Tag fand ich ihn nämlich in meinem eigenen Briefkasten wieder mit dem handschriftlichen Vermerk "ungültige Frankierung". Was war geschehen? Ich hatte Briefmarken aus einem Briefmarkenautomat in Hessen gezogen, der als erster die sogenannten Automatenmarken selbst produzierte und damals gerade als Pilotprojekt zu Versuchszwecken eingeführt wurde. Diese Papierstücke mit dem Aufdruck "Deutsche Bundespost, 80 Pf" und sonst nur einem Posthorn, erschienen den schwäbischen Postbeamten offensichtlich als primitive Fälschung. Wahrscheinlich habe ich sogar noch Glück gehabt, daß ich nicht wegen angeblicher Urkundenfälschung in Untersuchungshaft gelandet bin.

Diese Zurückweisung meiner teuer gekauften Briefmarken ließ ich mir aber nicht gefallen. Ich fragte mich daraufhin, wieder mit Hilfe eines Dolmetschers, zur "Boscht" durch und machte den Beamten klar, daß es sich bei meinem Briefmarken um gegen Geld erworbene Automatenmarken der "Bundes"post handelt, die demzufolge auch im Schwabenland gültig sein sollten. Überraschenderweise gelang mir dies relativ einfach, und der "Boschtbeamte" entschuldigte sich mit der glaubhaften Begründung, er hätte solche Briefmarken eben noch nie gesehen. Jahre später konnte ich dann in der Zeitung lesen, daß in Stuttgart der erste Briefmarkenautomat Deutschlands für die serienmäßige Ausgabe von Automatenmarken aufgestellt wurde.

Bald hatte ich mich jedoch eingelebt und empfand Schilder wie "Net druff dappa" oder "Dees is koi Schwätzkistle" als völlig normal. Zu diesem Zeitpunkt erhielt ich von Reinhold Schnell den Tip, daß bei meinem VW-Händler am Ort, wo sein Onkel in der Ersatzteilausgabe arbeitete, noch ein Einrohrauspufftopf für meinen Brezelkäfer vorhanden wäre. Solche Gelegenheiten muß man natürlich ergreifen, und deshalb stand ich bereits am nächsten Tag mit Geld in der Tasche an der Ersatzteilausgabe des genannten VW-Händlers. Hier traf ich auf einen waschechten Schwaben, der mich mit "Grüas Gott. Sodele." begrüßte. Ich entgegnete "Ich hätte gern einen Einrohrauspuff mit allen Anbauteilen für den alten 25 PS Käfer".

Zu meiner größten Überraschung schüttelte der Mann hinter der Theke den Kopf und sagte "Einrohrauspuff? Waas sollet dees sei? Dees häts nie gäbe, au net boi die alde Käferle. Dees hemmer nie ghet".

Ich war einigermaßen überrascht, hatte mir doch Reinhold geschildert, wie fachkundig sein Onkel gerade bei den alten Käfern wäre. Daraufhin sagte ich "Doch, das gibt es. Ihr Neffe, Reinhold Schnell, hat mir gesagt, sie hätten noch einen. Sie hätten es ihm sogar persönlich gesagt".

"Ja mei der Reinhold, dees guade Buale, hot no fuil Doil für'd alde Käferle mit fünfazwonzig Pferdle, guad aigölt odr in Läpple aigwiggelt. Abr en Einrohrauspuff hot er au nidd, dees wüßt I, wenn'sch dees gäbe het."

Mehr und mehr wird mir klar, daß mein schwäbisches Gegenüber möglicherweise doch was von alten Käfern versteht, aber eben mit meinem Begriff "Einrohrauspuff" nichts anfangen kann. Verdammt nochmal, wie stehts denn nur im VW-Ersatzteilbuch? "Ich brauche einen Schalldämpfer", sage ich fragend in meinem dritten Versuch.

Aber ich erziele wiederum nur ein Kopfschütteln. Doch plötzlich scheint der Mann mich zu verstehen: "Mr wellet "Schtoschdämpferle"?".

"Ganz falsch", bemerke ich entsetzt, "es ist ein Motorenteil". Langsam gerate ich in Aufregung. So schwierig habe ich mir das Abholen eines vorhandenen Ersatzteiles nicht vorgestellt. Wie kann ich dem Mann gegenüber nur klar machen, daß ich einen "Einrohrauspuff für einen 25 PS Käfer" wollte.

Mein Gegenüber wird auch langsam unruhig "I verstand nedd, waas mr wellet". Die Situation wird langsam peinlich.

Doch da fällt mir ein, daß ich ja eine weltweite Sprache spreche, die sogar die Schwaben verstehen. Ich zücke meinen Kugelschreiber und schreibe auf ein Blatt Schmierpapier das Zauberwort "111 251 051".

Mein Gegenüber fährt zusammen. Ohne in einen Ersatzteilkatalog zu schauen bemerkt er "Heidenei, mr wellet dees alde Döpfle mit nur oinem Röhrle. Ja mei, dees hemmer no. Warum hen mr dees net glei gsagt?" "Tja", bemerke ich, "ich kann eben kein Schwäbisch". "So ischs, grad", erwiderte mein schwäbisches Gegenüber, "I han halt au no schwäbische Aura. Ganget se nom an d'Kass, sch'isch glei soweit. Adele".

"Adele", antwortete ich - soviel Schwäbisch konnte ich schon sprechen. Und so komme ich dann doch noch in den Besitz meines "Einrohrauspuffs". Später, im Herausgehen, höre ich hinter mir noch Fragmente einer Unterhaltung: "Du ebbes, I bin ja so froh." "Ei warum bischt denn so froh?" "Woischt, i bin ja so froh, daaß wir boide Schwabe sin..". Bereits 200 km von der Heimat entfernt sieht eben alles ganz anders aus.

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